Herzberg’s Wort– Wandel durch KI. Die Verantwortung wächst

Neulich habe ich darüber nachgedacht, wie meine Kinder ihren Kindern wohl einmal erklären werden, was Musik eigentlich ist. Für sie ist es völlig normal, einen Song auf ihrer Kinder Musikbox zu suchen und eine Sekunde später loszutanzen. Meine Generation spulte Kassetten, legte CDs ein oder lud sich MP3-Dateien herunter. Davor gab es Vinyl.Und noch davor war Musik etwas, das man nur hören konnte, wenn sie irgendwo tatsächlich jemand spielte.

Bei jedem dieser Schritte gab es Technologiegegner, die meinten, dass die neue Technik etwas kaputtmachen bzw. jemanden etwas wegnehmen würde. Sicherlich berechtigt, aber nur bedingt. Berufe haben sich verändert. Geschäftsmodelle sind verschwunden, andere entstanden. Der Schaffungsprozess ist heute ein anderer als noch vor 10 und vor allem vor 30 Jahren. Dass technologischer Fortschritt Türen schließt, ist klar, sie öffnet aber auch neue.

Es war noch nie so einfach wie heute, Kunst einem großen Publikum zugänglich zu machen. Musiker können ihre Songs ohne großes Label weltweit veröffentlichen. Fotografen und Grafiker können ihre Arbeiten direkt zeigen oder produzieren lassen. Filmemacher können mit einem Smartphone Inhalte produzieren, für die früher teure Technik, Studios und Vertriebswege nötig waren. Was früher oft viel Geld oder Kontakt zu Gatekeepern brauchte, geht heute vom eigenen Schreibtisch aus.

Genau an diesem Punkt stehen wir heute. Diesmal heißt die Veränderung „künstliche Intelligenz“. Ich verstehe, dass etliche Menschen Angst vor KI haben. Denn plötzlich betrifft Automatisierung nicht nur Fabrikhallen, Buchhaltung oder Logistik. Sie betrifft Sprache, Bilder, Videos, Musik, Software und damit Bereiche, die wir lange für zutiefst menschlich gehalten haben. Und wir stehen erst am Anfang.

Bislang sprechen wir vor allem über Large Language Models, kurz LLMs. Systeme, die Daten verarbeiten und erzeugen, programmieren, analysieren und immer komplexere Aufgaben erledigen können. Der nächste große Schritt wird als AGI betitelt, also eine allgemeine künstliche Intelligenz bzw. echte künstliche Intelligenz. Ob und wann dieser Punkt tatsächlich erreicht wird, kann heute niemand seriös vorhersagen. Die Geschwindigkeit der Entwicklung zeigt jedoch, dass uns dieser gewaltige Technologieschub in nicht allzu ferner Zukunft bevorstehen könnte. Darüber diskutieren inzwischen nicht nur Technologieunternehmen, sondern auch Experten aus Wissenschaft und Politik sehr intensiv. Ein Deckel muss jetzt auf den Topf bevor es überkocht.

Ja, das kann Angst machen. Ich habe auch großen Respekt vor dieser Entwicklung. Fakt ist: die Entwicklung wird sich nicht mehr abwenden lassen. Die Frage lautet deshalb nicht „Wie verhindern wir diese Entwicklung?“ sondern „Wie gehen wir mit ihr um?“ oder „Wie setzen wir sie positiv ein?“.

Während die USA und China im Wettkampfmodus entwickeln, versucht Europa darauf konkrete Lösungen zu finden. Seit dem 2. August gelten neue Transparenzpflichten des europäischen AI Acts. Menschen sollen erkennen können, wenn sie mit KI-Systemen interagieren oder ob Inhalte künstlich erzeugt beziehungsweise manipuliert wurden. Ich halte das für richtig. Wir brauchen Regeln, Transparenz, Urheberrechte und klare Grenzen gegen Täuschung und Missbrauch. Aber keine Richtlinie dieser Welt nimmt uns die persönliche Verantwortung ab. Jeder von uns wird entscheiden müssen, wie viel Raum wir dieser Technologie in unserem Leben geben. Ob wir sie nutzen, um uns Arbeit abzunehmen oder ob wir das Denken abgeben. Ob wir sie für etwas Gutes oder etwas Schlechtes einsetzen, die Entscheidung liegt allein bei jedem einzelnen von uns.

Aus dieser Fragestellung heraus ist das Projekt „BROSKI“ entstanden. BROSKI ist ein virtueller Musiker, dessen Stimme und Erscheinungsbild mithilfe künstlicher Intelligenz entstanden ist. Die Geschichten dahinter sind echt und die Texte stammen von mir, aus meinem Leben, aus Gedanken über Familie, Freundschaft, das Älterwerden und den Themen, die mir wirklich auf der Seele brennen. Auch die Kompositionen, musikalischen Ideen, Stimmungen und Entscheidungen entstehen nicht einfach per Knopfdruck, aber KI ist ein wirkungsvolles Werkzeug diese Ideen in ein echtes Werk zu verwandeln.

Über Monate ist daraus ein Musikalbum mit dem Titel „HDGDL“ entstanden. Ausgerechnet meine Kolumne „Der Weg ist das Ziel“ lieferte den Stoff für den ersten von elf Songs auf dem Album. Aus dem Text der Kolumne habe ich das Lied „Kein Wenn und Aber“ geschrieben. Mittlerweile passiert mit dem Projekt etwas, womit ich nicht gerechnet habe. Das Lied „Song für Mama“ ging innerhalb weniger Tage in den sozialen Netzwerken viral. Über eine Million Aufrufe, zehntausende Likes und tausende Follower für ein virtuelles Künstlerprofil. Menschen schreiben in den Kommentaren über ihre Mütter, markieren Familienmitglieder oder schicken das Lied an Menschen, die ihnen wichtig sind. Gleichzeitig wird der Song auf den Streamingplattformen rauf und runter gehört. Das wäre ohne KI nicht möglich gewesen.

BROSKI ist zudem bewusst als philanthropisches Projekt konzipiert. Alle Einnahmen aus Streams und Verkäufen werden an wohltätige Zwecke gespendet. Ich möchte damit zeigen, dass KI auch Möglichkeiten schafft, etwas Positives zu bewegen. Technologie meets Wohltätigkeit. BROSKI singt und performt, ich schreibe. Gemeinsam werden wir hoffentlich viel Gutes erreichen. Vielleicht ist das am Ende genau die Haltung, die wir gegenüber KI brauchen.

Wir können uns bedroht fühlen und die neuen Technologien kategorisch ablehnen oder wir nehmen die Risiken ernst, schaffen Regeln, konsumieren bewusst und fragen uns, wie wir die neuen Möglichkeiten für etwas Gutes einsetzen können. Denn diese neue Welt wird kommen, ob wir sie mögen oder nicht. Mit diesem Wandel wächst auch unsere Verantwortung. Und wie ich es gegenüber der Presse bereits erwähnte: Ich weiß nicht, ob es richtig ist, aber ich weiß, dass es nicht falsch ist. Meine Texte und Botschaften sollen etwas Positives in der Welt bewirken, durch Technologie ist es möglich.

In diesem Sinne: Mit dem Herzen sieht man besser. Gerade in Zeiten künstlicher Intelligenz.