Der Mann im Regenbogenpullover
Im Sommer verbrachten wir mit unseren drei Jungs drei fantastische Wochen in Norwegen. Von Strand ging es über Stavanger nach Knivesdal und schließlich ans Meer nach Mandal. Wir badeten in glasklaren Seen, angelten Forellen, erkundeten die Natur und genossen vor allem die Zeit mit der Familie.
Ein Ziel durfte natürlich nicht fehlen: der Preikestolen. Die fast quadratische Felsplattform ragt 604 Meter nahezu senkrecht über dem Lysefjord. Der Fjord zieht sich 42 Kilometer ins Landesinnere und wurde einst von Gletschern geformt. Jedes Jahr wandern hunderttausende Menschen hinauf. Wir wussten das es ein Touristen-Hotspot ist, deshalb starteten wir schon am Vormittag. Trotzdem krabbelten die Besucher wie Ameisen auf einen Ameisenhaufen den Weg hinauf. Wir mittendrin statt nur dabei. Vor uns lagen rund vier Kilometer, etwa 500 Höhenmeter und unzählige steile Steinstufen. Unsere Jungs hatten ihre Rucksäcke auf dem Rücken und ordentlich Bock in den Beinen, denn Abenteuer sind ihr Ding.
Nach genau zwei Stunden, fünf Minuten und 59 Sekunden standen wir oben. Der Blick über den tiefblauen Fjord war schlicht unbeschreiblich. Weniger beeindruckend fand ich die Menschenschlange, die brav auf das perfekte Foto ganz vorne an der Kante wartete. Das ist einfach nicht mein Ding! Erstens hasse ich Warteschlangen und zweitens ist Höhe nicht unbedingt mein bester Freund. Wir picknickten und die Jungs bekamen ihre versprochene Stärkung. Als wir aufbrachen, rief mein Sohn: „Schau mal, Papa! Der Mann ist jetzt auch da.“
Knapp drei Stunden zuvor hatten wir ihn am Fuß des Berges überholt. Er war ein stark übergewichtiger Mann in einem dicken Regenbogenpullover, mit zwei Wanderstöcken und einem Rucksack. Schon nach den ersten Metern schwitzte und schnaufte er schwer. Ich sagte meiner Frau, dass ich das gefährlich finde und ich mich frage, wie er das nur schaffen will. Und nun, nach knapp 3 Stunden, stand er oben. Schritt für Schritt hatte er sich hinaufgekämpft, mit jeder Menge Schweiß und einem eisernen Willen. Ich freute mich riesig für diesen fremden Menschen. Gleichzeitig schämte ich mich ein bisschen für meine Zweifel an ihm.
Warum hatte ausgerechnet ich als Optimist an ihm gezweifelt? Weil ich mich von Äußerlichkeiten habe täuschen lassen. Der erste Eindruck prägt unsere spontane Reaktion. Er verrät aber wenig darüber, was wirklich in einem Menschen steckt. Vielleicht war dieser Mann früher ein begeisterter Wanderer, bis eine Krankheit seinen Körper veränderte. Vielleicht stand er als Kind mit seinen Eltern auf dem Preikestolen und wollte es noch einmal erleben. Ich weiß es nicht und genau darum geht es. Wir sehen Menschen, aber wir kennen ihre Geschichten nicht. Wir sehen ihre "scheinbaren" Grenzen, aber nicht ihren Willen. Henry Ford sagte einmal: „Ob du glaubst, du kannst es, oder ob du glaubst, du kannst es nicht, in beiden Fällen hast du Recht.“ Natürlich lässt sich nicht alles mit Willenskraft erreichen. Aber wer nicht an sich glaubt, geht gar nicht erst los. Ein passender Spruch, der in der Kampfkunst immer wieder zitiert wird, lautet: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“ In diesem Satz liegt sehr viel Weisheit.
Ziele sind nicht in Stein gemeißelt, sondern entwickeln sich mit unseren Lebensumständen und wachsender Erfahrung. Was uns mit 20 wichtig war, kann mit 40 bedeutungslos sein. Zumindest ist es bei mir so. Entscheidend ist, dass wir überhaupt Ziele haben, denn sie halten uns in Bewegung und damit am Leben. Jedes erreichte Ziel ist eine persönliche Trophäe, die wir wie ein Foto in das imaginäre Bilderbuch in unserem Kopf kleben können. Ziele erreicht man am besten in Etappen. Viele kleine Schritte tragen weiter als wenige große, holprige Sprünge. Für mich sind Ziele wie kleine Rätsel, die es zu lösen gilt. Hilfreich ist dabei die SMART-Formel. Ein gutes Ziel ist spezifisch, also konkret formuliert. Es ist messbar, damit man seinen Fortschritt erkennt. Es ist akzeptiert, man steht also selbst dahinter. Außerdem ist es realistisch und terminiert, hat also eine festgelegte Deadline. Aus „Ich möchte fitter werden“ wird so „Bis Ende März gehe ich dreimal pro Woche 30 Minuten locker laufen, um damit 3 kg Körperfett zu verlieren.“ Mach es wie der Mann auf dem Berg: Zeig es den Zweiflern und zieh deine Ziele durch, auch wenn du dabei kräftig schwitzt und schnaufst.
Ein zweiter Mensch hat mich an diesem Tag fast genauso beeindruckt: mein zweijähriger Sohn. Fünf Stunden lang wanderte und kletterte er über Stock und Stein, den ganzen Berg hinauf und wieder hinunter. Er tat das nicht, weil wir ihn antrieben, sondern weil er es selbst wollte. Deshalb mein Appell: Traut euren Kindern mehr zu! Begleitet sie und gebt ihnen Sicherheit, aber lasst sie ihre eigenen Herausforderungen meistern. Daraus wachsen Selbstvertrauen und Erinnerungen fürs Leben. Genauso stolz bin ich natürlich auch auf meinen damals 4 und meinen 8-jährigen Sohn, dass sie das durchgezogen haben.
An diesem Tag haben mir ein kleiner Junge und ein fremder Mann im Regenbogenpullover dieselbe Lektion erteilt: Unterschätze niemals einen Menschen. Nicht wegen seines Alters, nicht wegen seines Aussehens und schon gar nicht wegen deiner eigenen Vorstellung von dem, was möglich ist und was nicht. Vielleicht steckt in uns allen viel mehr, als wir glauben. Wir müssen uns nur trauen, einfach loszulegen. IN diesem Sinne: Machen ist krasser, als wollen.