24h-Betreuung | Erfahrungen aus dem Alltag
Demenz verändert nicht nur den Betroffenen – sondern die ganze Familie
„Das ist nicht mehr meine Mutter, wie ich sie kenne.“ Diesen Satz hören wir in Gesprächen mit Angehörigen immer wieder. Gemeint sind dabei oft nicht die offensichtlichen Gedächtnislücken. Es sind die vielen kleinen Veränderungen, die das Zusammenleben zunehmend schwieriger machen.
Die Mutter, die früher jeden Geburtstag im Kopf hatte, fragt innerhalb weniger Minuten dreimal dasselbe. Der Vater, der sein Leben lang selbstständig war, findet plötzlich den Weg zum Bäcker nicht mehr. Rechnungen bleiben liegen, Gegenstände werden an ungewöhnlichen Orten abgelegt oder ein vertrauter Mensch reagiert auf eine gut gemeinte Frage plötzlich gereizt.
Für Angehörige beginnt damit häufig eine Zeit, in der sich vieles verschiebt. Aus der Tochter wird zunehmend diejenige, die Entscheidungen treffen muss. Der Sohn kontrolliert, ob Medikamente genommen wurden. Der Ehepartner traut sich kaum noch, länger das Haus zu verlassen.
Kennen Sie den Gedanken: „Was ist, wenn etwas passiert und ich gerade nicht da bin?“
Diese ständige Aufmerksamkeit kostet Kraft. Gleichzeitig fällt es vielen Angehörigen schwer, sich das einzugestehen. Schließlich ist es die eigene Mutter, der eigene Vater oder der Mensch, mit dem man vielleicht seit Jahrzehnten zusammenlebt.
Hinzu kommt etwas, über das weniger gesprochen wird: Demenz kann Beziehungen verändern.
Ein Gespräch, das früher selbstverständlich war, funktioniert plötzlich nicht mehr. Erklärungen werden vergessen. Gut gemeinte Hinweise werden als Bevormundung empfunden. Manchmal entstehen Vorwürfe, Misstrauen oder Streit über Dinge, die sich mit sachlichen Argumenten nicht mehr klären lassen. Es „nervt einfach nur noch“.
In unserer täglichen Arbeit erleben wir, wie belastend das für Familien sein kann. Viele Angehörige wissen durchaus, dass bestimmte Reaktionen Teil der Erkrankung sind. Emotional bleibt es trotzdem schwer, wenn ein vertrauter Mensch plötzlich abweisend reagiert oder die eigene Tochter nicht sofort erkennt.
Auch innerhalb der Familie entstehen neue Fragen. Wer kümmert sich wann? Wer übernimmt Arzttermine? Wer fährt am Wochenende hin? Geschwister beurteilen die Situation manchmal unterschiedlich. Einer erlebt die täglichen Schwierigkeiten, während ein anderer nur alle paar Wochen zu Besuch kommt. Daraus können Spannungen entstehen.
Was vielen Familien hilft, ist verlässliche Unterstützung im Alltag.
Gerade bei Demenz bedeutet Betreuung zuhause weit mehr als Einkaufen, Kochen oder Unterstützung im Haushalt. Ein vertrauter Tagesablauf kann Sicherheit geben. Gemeinsam frühstücken. An die Medikamente erinnern. Einen Spaziergang machen. Zuhören, wenn dieselbe Geschichte zum wiederholten Mal erzählt wird. Oder einfach da sein, wenn Unruhe entsteht.
Eine Betreuungskraft kann Angehörige dabei nicht ersetzen. Und das sollte sie auch nicht. Sie kann aber Verantwortung im Alltag mittragen.
Wir erleben häufig, dass dadurch etwas zurückkehrt, das über Monate verloren gegangen ist: Angehörige können wieder mehr Tochter, Sohn oder Partner sein und müssen nicht bei jedem Besuch zuerst kontrollieren, organisieren und Probleme lösen.
Demenz bleibt für eine Familie eine Herausforderung. Gute Unterstützung kann die Erkrankung nicht verändern. Aber sie kann dazu beitragen, dass der gemeinsame Alltag wieder verlässlicher wird und die Familie mit dieser Veränderung nicht jeden Tag alleine umgehen muss.
Was Angehörige uns häufig fragen
„Was passiert, wenn mein Angehöriger die Betreuungskraft zunächst ablehnt?“
Das kommt aus unserer Erfahrung sehr selten vor. Im Vorfeld klären wir ab, ob schon der Zeitpunkt für eine 24h Betreuung gegeben ist. Ein ruhiger Einstieg und möglichst wenig Veränderungen auf einmal können helfen.
„Muss eine Betreuungskraft Erfahrung mit Demenz haben?“
Wenn eine Demenzerkrankung vorliegt, muss dies bei der Auswahl unbedingt berücksichtigt werden. Warmherzigkeit, Erfahrung im Umgang mit Orientierungslosigkeit, Unruhe oder wiederkehrenden Fragen kann im Alltag sehr wichtig sein.
„Kann die 24h Betreuung auch nachts helfen?“
Eine Betreuungskraft lebt mit im Haushalt und hilft selbstverständlich auch in der Nacht in Notsituationen. Regelmäßige oder intensive Nachtbetreuung muss jedoch individuell betrachtet werden, da ausreichende Ruhezeiten gewährleistet sein müssen.
In der kommenden Ausgabe dieser Kolumne:
„Wenn Mutter oder Vater keine Hilfe annehmen wollen“